Donnerstag, 12. November 2009

Vom Schicksal gezeichnet

Ich bin die letzten Wochen sehr viel herumgekommen in Schwaben, aber an diesen Nachmittag im Kreisklinikum Günzburg werde ich mich noch sehr lange erinnern. Der Tag begann wie immer, Redaktionssitzung um 8.45h, Themenvergabe und dann als Bayern 1 - Reporter raus aufs Land. Ein afghanischer Junge wird heute aus dem Krankenhaus in Günzburg entlassen, wo er zusammen mit einem weiteren jungen kostenlos operiert wurde. Schnell noch ein Telefonat mit dem Krankenhausdirektor, der sich sichtbar freute, dass mal ein Journalist angerufen hat, der nicht über die Schweinegrippe berichten wollte. Und dann saß ich auch schon im Zug nach Günzburg.

Die beiden Röntgenbilder, die mir Chefarzt Dr. Diether Michel vorlegte, waren nur der medzinisch festgehaltene Beweis dessen, was die Yasin und Sayed in den letzten Monaten erleben mussten. Yasin war wohl in der Nähe eines Selbstmordattentäters, als dieser seine Bombe zündete. Eine Bombe, in die er vorher noch Nägel eingebaut hatte, die dann durch die Wucht der Explosion in alle Himmelsrichtungen schossen. Eine davon traf ihn ins rechte Schienbein. Die Operation hat er gut überstanden, einen Tag vor der Abreise zeigte er mir noch den Nagel (Foto rechts oben), den er als Andenken mit nach Hause nehmen wird, wenn er in Kürze zurück nach Kabul fliegt.

Yasin darf nach Hause, Sayed wird wohl noch bis Weihnachten im Krankenhaus bleiben müssen. Seine Beine waren bei der Ankunft ein einziger Trümmerhaufen. Wie das passiert ist, wissen die deutschen Ärzte nicht, die beiden Kinder erzählen es auch nicht mal den Dolmetschern. Letztendlich ist das für die Aufgabe der Ärzte auch nicht wichtig. Man merkte es Dr. Michel wirklich an, wie sehr im die Kinder am Herzen liegen, medizinisch und menschlich. Er kennt nicht nur ihre Akten, sondern auch ihren Charakter und freut sich, wenn beide per Rollstuhl oder zu Fuß durch das Krankenhaus toben und dabei auch mal in die Notaufnahme reinplatzen. Sayed muss nach drei Operationen langsam erst wieder laufen lernen, ist aber mit seinem Charme der Liebling der Krankenschwestern. An mir hatte er nicht soviel Interesse - mal abgesehen von meinem Mikro (Foto links).

Tausend Gedanken sind mir auf der Heimfahrt durch den Kopf geschwirrt. Es ist schön, in einem Land zu leben, in dem Solidarität trotz allem noch etwas zählt: Vom Krankenhaus, das kostenlos operierte und behandelte, über den Knochenspezialisten aus Ludwigshafen, der extra zur Operation unentgeltlich kam, bis hin zur Berliner Firma, die die Knochersatzteile spendete. Ganz zu schweigen von den Dolmetschern und vielen anderen freiwilligen Helfern und Spendern, die sich um Yasin und Sayed kümmern. Aber trotzdem, das wurde mir in den Gesprächen auf den Krankenhausfluren klar, hinterfragen alle ihre Engagement immer wieder. Wenn beide wieder gesund sind, kehren Sie in ein zerrüttetes Land zurück, keiner weiß, in welchem Umfeld sie groß werden, wo sie in zehn Jahren stehen, ja was ist, wenn einer gar zu einem religiösen Fanatiker wird? "Aber", sagte mir Dr. Michel, "wenn man dann den kleinen Sayed lächeln sieht und die Hoffnung hat, dass er doch nicht als Krüppel endet, dann weiß man, dass sich das alles gelohnt hat."

Das meine ich aber auch. Denn Kinder sind immer die wehrlosesten Opfer des Krieges.

Übrigens: Gut, dass es das Internet gibt. Denn mein Beitrag für Bayern 1 und B5aktuell war branchenüblich so kurz, dass er nur einen Bruchteil dieser Informationen wiedergeben konnte. Wer ihn sich aber trotzdem anhören will, der kann das hier tun.

Bombenfunde und Güllegrubenmorde


Schwaben, ausgerechnet Schwaben! Das ist so ziemlich der Teil von Bayern, mit dem ich noch fast gar nichts zu tun hatte. In Franken geboren, in Ostbayern studiert und jetzt wohnhaft in München. Meine erste Hörfunkstation im Volontariat ist nun also Schwaben. Aber wie toll Schwaben ist, habe ich in den letzten zwei Wochen erfahren.

Seit dem 9.9.2009 um 16.30 Uhr ist mein Studium beendet. Wer will, kann mich jetzt Magister nennen, ich lege darauf aber keinen gesteigerten Wert. Schließlich habe ich auch nix gescheits studiert, deswegen bin ich jetzt auch Journalist. Genauer gesagt: Seit dem 21.9.2009 um 8.30 Uhr Volontär des Bayerischen Rundfunk. Zwei Jahre Ausbildung, zwei Jahre Radio und Fernsehen, von A bis Z, zwei Jahre durchs Land reisen, immer auf der Suche nach Geschichten von Menschen für Menschen. Dazwischen haben wir Seminare und Fortbildungen, von Dramaturgie über Recherche bis hin zur Reportage, der Königsdisziplin. Schöner könnte ein Start ins Journalistenleben eigentlich kaum sein.

Nach den Einführungskursen lautet meine erste Hörfunkstation nun also: Schwaben. Als Bayern 1 – Reporter war ich die letzten Tage bereits viel unterwegs. Aus Friedberg habe ich über einen Bauer berichtet, dessen Äcker bis heute voll mit Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg sind. In Aichach wird man bald nicht mehr alte Leute mit „Essen auf Rädern“ versorgen können, wenn die Bundesregierung ab 2011 tatsächlich den Zivildienst von neun auf sechs Monate verkürzt wird. In Augsburg war ich beim Prozessauftakt gegen den Güllegrubenmörder aus Penzing, am letzten Dienstag ging es dann mit dem Gammelfleischprozess in Memmingen weiter. Das spannende an Regionalberichterstattung ist, dass alle Felder abgedeckt werden. Ich komme morgens zur Arbeit und weiß nicht, was an diesem Tag passieren wird.

Zu hören gibt es meine Beiträge auf Bayern 1 – allerdings muss man dazu im Regierungsbezirk Schwaben wohnen. Denn zu bestimmten Sendezeiten wird das Programm von Bayern 1 gesplittet. Ab Dezember bin ich dann in der Redaktion Landespolitik bayernweit zu empfangen.