Donnerstag, 17. Dezember 2009

Unter Beobachtung

Auch im Landtag gibt es ein stilles Örtchen, dass sich Politiker und Journalisten teilen. Unbeobachtet ist man eigentlich nie. Das hätte ich also wissen müssen, als ich heute nachmittag während der Plenarsitzung am Spiegel vor dem Waschbecken stand und meinen Hemdkragen mit dem Sakko in Einklang gebracht habe. "Sie sehen schon gut aus, da laufen hier manche im Landtag ganz anders rum" erklang es in meiner vertrauten fränkischen Muttersprache hinter meinem Rücken. Ich blickte auf und schaute in die Augen eines Staatsministers, nennen wir ihn mal M.S. aus N. Dann ging er aber auch schon zur Tür. "Und beim BR gibt es Leute, die laufen auch ganz anders rum." Lachend lässt er die Tür ins Schloss fallen. Rums. Immerhin, geht es mir spontan durch den Kopf, hat er sich meinen Arbeitgeber gemerkt. Das Interview ist ja auch schon zwei Wochen her. Ob er meinen Namen noch weiß, bezweifle ich mal.

Definitiv kennt meinen Namen aber Frau Pauli nicht. Jene Frau Pauli, die in Zeiten wie diesen durch die Hallen des Landtags wandelt und sich wohl fragt, warum sich keiner der Journalisten mehr für Sie interessiert. Fahrenschon, Beckstein, Huber, Herrmann, Rinderspacher, allen werden im Angsicht des Landesbank-Disasters Mikros unter die Nase gehalten. Nur Frau Pauli nicht. Mein Mikro hat sie heute zweimal fast sehnsüchtig angeschaut. Ich habe ihr aber nicht den Gefallen getan, es anzuschalten. Denn heute habe ich einen Beitrag über den letzten Plenartag 2009 aus der Sicht der oberbayerischen Abgeordneten gemacht. Der läuft morgen (Freitag, 17.12.) zwischen 12 und 13 auf Bayern 1.

Ansonsten war die Woche spannend, um nicht zu sagen explosiv. Die Landesbank hat uns schwer in Atem gehalten bzw. ihn uns eher genommen. Am Montag stand ich über zwei Stunden in klirrender Kälte mit zahlreichen Kollegen vor der CSU-Zentrale in München. Auf der Jagd nach O-Tönen haben wir dann auch fast alle bekommen. Während KT zu Guttenberg mit einer gelassenen Selbstsicherheit in die Wand von Mikrofonen hineinlief, versuchte sich Günther Beckstein erfolglos drumherum zu schleichen. Radikaler machte es da unser Landesvater. Der ging einfach mitten durch. Ohne ein Wort zu sagen. Die 3,7 Milliarden hatten ihm die Sprache verschlagen. Mir übrigens auch.

Das alles gibt´s noch einmal im Wochenrückblick auf B5 Aktuell am kommenden Sonntag, den diesmal ich moderieren werde. Um 10.05 und um 19.35 blicken wir auf die politische Woche in Bayern zurück. Das ganze gibts natürlich auch als Podcast (Sendung vom 20.12.2009 zur Landesbank).

Freitag, 11. Dezember 2009

Fränkische Weihnachtsbäume und bayrischer Kinderkrippen

Es kommt nicht oft vor, dass Horst Seehofer einen Raum betritt und es jemanden gibt, der größer ist als er. Absolute Seltenheit ist es, wenn dieser jemand aus Franken kommt. Da schaut dann auch ein gestandener Oberbayer ehrfurchtsvoll in die Höhe. Nun gut, dieser jemand aus Franken ist jetzt kein klassisches Lebewesen, sondern ein Weihnachtsbaum. Aber die Vorstellung, dass der bayerische Ministerpräsident in der Weihnachtszeit zu einem Franken aufschauen muss, wenn er seine Staatskanzlei betritt, hat doch einen gewissen Charme, finde ich.

Zugegeben, daraus eine Geschichte zu machen ist doch etwas an den Haaren herbeigezogen. Deswegen war an jenem Montagabend in der bayerischen Staatskanzlei auch kein anderer Reporter da außer mir. Wir haben nämlich zum Glück noch den Heimatspiegel, das letzte Relikt der Volksmusik im Bayerischen Rundfunk, jeden Morgen zwischen 6 und 7 Uhr auf Bayern 2. Da passt ein Beitrag mit einem fränkisch-bayerischen Augenzwinkern gut rein. Die Übergabe des fränkischen Weihnachtsbaums an Horst Seehofer war erwartungsgemäß unspektakulär und nach zehn Minuten vorbei. Da musste ich mich als Reporter sputen, von jedem einen O-Ton einzuholen. Unser Landesvater hat jedenfalls nach zwei Fragen sofort durchschaut, worauf ich abziele und mir einen Vortrag über die ach so tollen fränkisch-bayerischen Beziehungen gehalten. Gut, dass auch noch Philipp von und zu Guttenberg da war, richtig, der Bruder von KT, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. Er ist Vorstandsmitglied im bayerischen Waldbesitzerverband und die haben auch noch zwei Waldköniginnen. Was es nicht alles gibt, in Bayern. Für mich war´s gut – drei O-Töne und ein bisschen Glamour mehr in meinem Beitrag. Denn gibt´s aber leider nicht im Internet.

Nett war es auch mit unserer Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Sie hat im bayerischen Landtag eine Kinderkrippe eröffnet, ganz familienfreundlich für die Kinder von Abgeordneten und Mitarbeitern des Landtags. Ist ja nett, meinte ich, aber wir schreiben das Jahr 2009, ein bisschen spät, oder? Besser spät als nie, meinte sie mit einem Lächeln auf den Lippen, um im gleichen Atemzug hinzuzufügen, dass sie ganz andere Bedingungen hatte, als sie 1980 als Landtagsabgeordnete schwanger wurde. Seitdem hat sich zum Glück einiges getan, was das Frauenbild der CSU betrifft und vieles ist auch Frauen wie Barbara Stamm zu verdanken. Die Kinderkrippe war übrigens ihre Idee – sie hat das im Rekordtempo im Landtagspräsidium durchwinken lassen.

Donnerstag, 12. November 2009

Vom Schicksal gezeichnet

Ich bin die letzten Wochen sehr viel herumgekommen in Schwaben, aber an diesen Nachmittag im Kreisklinikum Günzburg werde ich mich noch sehr lange erinnern. Der Tag begann wie immer, Redaktionssitzung um 8.45h, Themenvergabe und dann als Bayern 1 - Reporter raus aufs Land. Ein afghanischer Junge wird heute aus dem Krankenhaus in Günzburg entlassen, wo er zusammen mit einem weiteren jungen kostenlos operiert wurde. Schnell noch ein Telefonat mit dem Krankenhausdirektor, der sich sichtbar freute, dass mal ein Journalist angerufen hat, der nicht über die Schweinegrippe berichten wollte. Und dann saß ich auch schon im Zug nach Günzburg.

Die beiden Röntgenbilder, die mir Chefarzt Dr. Diether Michel vorlegte, waren nur der medzinisch festgehaltene Beweis dessen, was die Yasin und Sayed in den letzten Monaten erleben mussten. Yasin war wohl in der Nähe eines Selbstmordattentäters, als dieser seine Bombe zündete. Eine Bombe, in die er vorher noch Nägel eingebaut hatte, die dann durch die Wucht der Explosion in alle Himmelsrichtungen schossen. Eine davon traf ihn ins rechte Schienbein. Die Operation hat er gut überstanden, einen Tag vor der Abreise zeigte er mir noch den Nagel (Foto rechts oben), den er als Andenken mit nach Hause nehmen wird, wenn er in Kürze zurück nach Kabul fliegt.

Yasin darf nach Hause, Sayed wird wohl noch bis Weihnachten im Krankenhaus bleiben müssen. Seine Beine waren bei der Ankunft ein einziger Trümmerhaufen. Wie das passiert ist, wissen die deutschen Ärzte nicht, die beiden Kinder erzählen es auch nicht mal den Dolmetschern. Letztendlich ist das für die Aufgabe der Ärzte auch nicht wichtig. Man merkte es Dr. Michel wirklich an, wie sehr im die Kinder am Herzen liegen, medizinisch und menschlich. Er kennt nicht nur ihre Akten, sondern auch ihren Charakter und freut sich, wenn beide per Rollstuhl oder zu Fuß durch das Krankenhaus toben und dabei auch mal in die Notaufnahme reinplatzen. Sayed muss nach drei Operationen langsam erst wieder laufen lernen, ist aber mit seinem Charme der Liebling der Krankenschwestern. An mir hatte er nicht soviel Interesse - mal abgesehen von meinem Mikro (Foto links).

Tausend Gedanken sind mir auf der Heimfahrt durch den Kopf geschwirrt. Es ist schön, in einem Land zu leben, in dem Solidarität trotz allem noch etwas zählt: Vom Krankenhaus, das kostenlos operierte und behandelte, über den Knochenspezialisten aus Ludwigshafen, der extra zur Operation unentgeltlich kam, bis hin zur Berliner Firma, die die Knochersatzteile spendete. Ganz zu schweigen von den Dolmetschern und vielen anderen freiwilligen Helfern und Spendern, die sich um Yasin und Sayed kümmern. Aber trotzdem, das wurde mir in den Gesprächen auf den Krankenhausfluren klar, hinterfragen alle ihre Engagement immer wieder. Wenn beide wieder gesund sind, kehren Sie in ein zerrüttetes Land zurück, keiner weiß, in welchem Umfeld sie groß werden, wo sie in zehn Jahren stehen, ja was ist, wenn einer gar zu einem religiösen Fanatiker wird? "Aber", sagte mir Dr. Michel, "wenn man dann den kleinen Sayed lächeln sieht und die Hoffnung hat, dass er doch nicht als Krüppel endet, dann weiß man, dass sich das alles gelohnt hat."

Das meine ich aber auch. Denn Kinder sind immer die wehrlosesten Opfer des Krieges.

Übrigens: Gut, dass es das Internet gibt. Denn mein Beitrag für Bayern 1 und B5aktuell war branchenüblich so kurz, dass er nur einen Bruchteil dieser Informationen wiedergeben konnte. Wer ihn sich aber trotzdem anhören will, der kann das hier tun.

Bombenfunde und Güllegrubenmorde


Schwaben, ausgerechnet Schwaben! Das ist so ziemlich der Teil von Bayern, mit dem ich noch fast gar nichts zu tun hatte. In Franken geboren, in Ostbayern studiert und jetzt wohnhaft in München. Meine erste Hörfunkstation im Volontariat ist nun also Schwaben. Aber wie toll Schwaben ist, habe ich in den letzten zwei Wochen erfahren.

Seit dem 9.9.2009 um 16.30 Uhr ist mein Studium beendet. Wer will, kann mich jetzt Magister nennen, ich lege darauf aber keinen gesteigerten Wert. Schließlich habe ich auch nix gescheits studiert, deswegen bin ich jetzt auch Journalist. Genauer gesagt: Seit dem 21.9.2009 um 8.30 Uhr Volontär des Bayerischen Rundfunk. Zwei Jahre Ausbildung, zwei Jahre Radio und Fernsehen, von A bis Z, zwei Jahre durchs Land reisen, immer auf der Suche nach Geschichten von Menschen für Menschen. Dazwischen haben wir Seminare und Fortbildungen, von Dramaturgie über Recherche bis hin zur Reportage, der Königsdisziplin. Schöner könnte ein Start ins Journalistenleben eigentlich kaum sein.

Nach den Einführungskursen lautet meine erste Hörfunkstation nun also: Schwaben. Als Bayern 1 – Reporter war ich die letzten Tage bereits viel unterwegs. Aus Friedberg habe ich über einen Bauer berichtet, dessen Äcker bis heute voll mit Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg sind. In Aichach wird man bald nicht mehr alte Leute mit „Essen auf Rädern“ versorgen können, wenn die Bundesregierung ab 2011 tatsächlich den Zivildienst von neun auf sechs Monate verkürzt wird. In Augsburg war ich beim Prozessauftakt gegen den Güllegrubenmörder aus Penzing, am letzten Dienstag ging es dann mit dem Gammelfleischprozess in Memmingen weiter. Das spannende an Regionalberichterstattung ist, dass alle Felder abgedeckt werden. Ich komme morgens zur Arbeit und weiß nicht, was an diesem Tag passieren wird.

Zu hören gibt es meine Beiträge auf Bayern 1 – allerdings muss man dazu im Regierungsbezirk Schwaben wohnen. Denn zu bestimmten Sendezeiten wird das Programm von Bayern 1 gesplittet. Ab Dezember bin ich dann in der Redaktion Landespolitik bayernweit zu empfangen.

Donnerstag, 13. August 2009

Nachbarn - Freunde - Europäer


Zum ersten Mal veranstaltete mit der Ackermann-Gemeinde eine von vertriebenen Sudetendeutschen gegründeten Organisation auf dem Boden der Tschechischen Republik ihr zentrales Bundestreffen. Die mediale Aufmerksamkeit war nicht nur deswegen enorm. Eine ganze Reihe von bedeutenden Rednern kam vom 1. bis 4. August 2009 ins westböhmische Pilsen. Ich war als Reporter für "Die Tagespost" vor Ort und habe unter anderem mit dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein und dem ehemaligen tschechischen Außenminister Karl Johannes Fürst zu Schwarzenberg über die europäische Integration gesprochen. Nachzulesen gibt´s das hier.

Dienstag, 20. Januar 2009

Manager und Menschenfischer

Er gilt als omnipräsent, intellektuell und spirituell durchleuchtet: Bischof Wolfgang Huber ist zweifelsohne „das Gesicht“ der evangelischen Kirche in Deutschland. Als ich Ende Juli 2008 als Praktikant zum ersten Mal einen Fuß ins Sendezentrum des Bayerischen Fernsehens in München-Freimann setzte, konnte ich noch nicht ahnen, das knapp ein halbes Jahr später eine Reportage von 45 Minuten Länge auf dem renommierten Sendeplatz „Stationen“ laufen wird, an der ich redaktionell beteiligt sein durfte.

Berechtigterweise mag jetzt der eine oder andere schmunzeln, dass das erste größere Feature unter meiner Beteiligung über einen evangelischen Bischof geht. Dabei habe ich in den letzten Wochen viel dazugelernt. Einerseits natürlich, was das journalistische Handwerk betrifft, denn ein Film dieser Länge ist nicht mit den 2:30-Beiträgen vergleichbar, die ich bisher für die Abendschau, das BR-Wahlforum oder die Bayerntour gemacht habe. Die Abende im Schneideraum wurden für mich zu einem journalistischen Anschauungsunterricht, die nette Atmosphäre mit den beiden Autoren und Cutterinnen zu einem schönen Zubrot, das die Arbeit auch zu später Stunde nicht fad werden ließ.

Andererseits ergeben sich bei den Stärkungen in der Kantine zwangsläufig interessante Gespräche mit den Kollegen über die Situation der beiden Kirchen in der heutigen Gesellschaft. Darf die evangelische Kirche, die von ihrem Selbstverständnis her eigentlich von der Fokussierung auf einzelne Personen Abstand nimmt, eine so starke Persönlichkeit an ihrer Spitze haben? Ja, sie darf. Sie muss es sogar. Denn vieles hat sie Bischof Wolfgang Huber zu verdanken, der den Anliegen der knapp 25 Millionen Protestanten in Deutschland Gehör verschafft. Der Film von Jürgen Schleifer und Klaus Wölfle blickt hinter die Kulissen und zeigt einen temperamentvollen und aktiven Bischof, aber auch einen nachdenklichen Kirchenreformer, Seelsorger und Manager. In der Fernseh-Talkshow „Anne Will“ scheut er nicht davor zurück, den Finger in die Wunde zu legen, die Gesichter der hochrangigen Manager sprechen Bände – eine Szene, bei der ich immer noch laut loslachen muss, auch wenn ich sie in der Schnittbearbeitung schon zig mal gesehen habe. Auf einem Tanzball in einer Pfarrei ist er nicht mehr als ein gewöhnlicher Pfarrer, bei einem Heimatbesuch in Freiburg setzt er sich mit der NS-Vergangenheit seines Vater auseinander und er lädt sogar Polit-Prominenz zu einem „Bischofsdinner“ ins Berliner Hilton-Hotel ein, um dem „Evangelium Gehör zu verleihen.“ Und nicht zuletzt hat ein Teil des Filmes ungeahnte wie unrühmliche Aktualität gewonnen: Seine Israelreise, der Besuch Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und der Gang durch die Sperranlagen nach Bethlehem.

Am meisten beeindruckt hat mich aber die Beziehung zu seiner Frau. Wohlgemerkt, Wolfgang Huber steht im Hinblick auf seinen Terminkalender einem katholischen Bischof in nichts nach, über 90 Tage im Jahr ist er als Ratsvorsitzender in der Bundesrepublik unterwegs. Und doch spielt seine Frau Kara eine zentrale Rolle in seinem Wirken als Bischof und Ratsvorsitzender, als Ratgeberin und Persönlichkeit, die auch selber zupackt, wenn es darum geht, verfallene brandenburgische Dorfkirchen zu retten.

Ein Film, der ein hartes Stück Arbeit war. Ob sie sich gelohnt hat, überlassen wir Eurem und Ihrem Urteil – am kommenden Mittwoch um 19h im Bayerischen Fernsehen.

Manager und Menschenfischer – Wolfgang Huber, Bischof und Ratsvorsitzender

Mittwoch, 21. Januar 2009 um 19 Uhr in der Sendereihe Stationen

(Wiederholung am Donnerstag, 22. Januar 2009 um 11.45 Uhr)

Reportage von Jürgen Schleifer und Klaus Wölfle
Mitarbeit: Sebastian Kraft
Produktion: Bayerischer Rundfunk © BR 2009

(Foto © BR 2009)