Er gilt als omnipräsent, intellektuell und spirituell durchleuchtet: Bischof Wolfgang Huber ist zweifelsohne „das Gesicht“ der evangelischen Kirche in Deutschland. Als ich Ende Juli 2008 als Praktikant zum ersten Mal einen Fuß ins Sendezentrum des Bayerischen Fernsehens in München-Freimann setzte, konnte ich noch nicht ahnen, das knapp ein halbes Jahr später eine Reportage von 45 Minuten Länge auf dem renommierten Sendeplatz „Stationen“ laufen wird, an der ich redaktionell beteiligt sein durfte.
Berechtigterweise mag jetzt der eine oder andere schmunzeln, dass das erste größere Feature unter meiner Beteiligung über einen evangelischen Bischof geht. Dabei habe ich in den letzten Wochen viel dazugelernt. Einerseits natürlich, was das journalistische Handwerk betrifft, denn ein Film dieser Länge ist nicht mit den 2:30-Beiträgen vergleichbar, die ich bisher für die Abendschau, das BR-Wahlforum oder die Bayerntour gemacht habe. Die Abende im Schneideraum wurden für mich zu einem journalistischen Anschauungsunterricht, die nette Atmosphäre mit den beiden Autoren und Cutterinnen zu einem schönen Zubrot, das die Arbeit auch zu später Stunde nicht fad werden ließ.
Andererseits ergeben sich bei den Stärkungen in der Kantine zwangsläufig interessante Gespräche mit den Kollegen über die Situation der beiden Kirchen in der heutigen Gesellschaft. Darf die evangelische Kirche, die von ihrem Selbstverständnis her eigentlich von der Fokussierung auf einzelne Personen Abstand nimmt, eine so starke Persönlichkeit an ihrer Spitze haben? Ja, sie darf. Sie muss es sogar. Denn vieles hat sie Bischof Wolfgang Huber zu verdanken, der den Anliegen der knapp 25 Millionen Protestanten in Deutschland Gehör verschafft. Der Film von Jürgen Schleifer und Klaus Wölfle blickt hinter die Kulissen und zeigt einen temperamentvollen und aktiven Bischof, aber auch einen nachdenklichen Kirchenreformer, Seelsorger und Manager. In der Fernseh-Talkshow „Anne Will“ scheut er nicht davor zurück, den Finger in die Wunde zu legen, die Gesichter der hochrangigen Manager sprechen Bände – eine Szene, bei der ich immer noch laut loslachen muss, auch wenn ich sie in der Schnittbearbeitung schon zig mal gesehen habe. Auf einem Tanzball in einer Pfarrei ist er nicht mehr als ein gewöhnlicher Pfarrer, bei einem Heimatbesuch in Freiburg setzt er sich mit der NS-Vergangenheit seines Vater auseinander und er lädt sogar Polit-Prominenz zu einem „Bischofsdinner“ ins Berliner Hilton-Hotel ein, um dem „Evangelium Gehör zu verleihen.“ Und nicht zuletzt hat ein Teil des Filmes ungeahnte wie unrühmliche Aktualität gewonnen: Seine Israelreise, der Besuch Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und der Gang durch die Sperranlagen nach Bethlehem.
Am meisten beeindruckt hat mich aber die Beziehung zu seiner Frau. Wohlgemerkt, Wolfgang Huber steht im Hinblick auf seinen Terminkalender einem katholischen Bischof in nichts nach, über 90 Tage im Jahr ist er als Ratsvorsitzender in der Bundesrepublik unterwegs. Und doch spielt seine Frau Kara eine zentrale Rolle in seinem Wirken als Bischof und Ratsvorsitzender, als Ratgeberin und Persönlichkeit, die auch selber zupackt, wenn es darum geht, verfallene brandenburgische Dorfkirchen zu retten.
Ein Film, der ein hartes Stück Arbeit war. Ob sie sich gelohnt hat, überlassen wir Eurem und Ihrem Urteil – am kommenden Mittwoch um 19h im Bayerischen Fernsehen.
Manager und Menschenfischer – Wolfgang Huber, Bischof und Ratsvorsitzender
Mittwoch, 21. Januar 2009 um 19 Uhr in der Sendereihe Stationen
(Wiederholung am Donnerstag, 22. Januar 2009 um 11.45 Uhr)
Reportage von Jürgen Schleifer und Klaus Wölfle
Mitarbeit: Sebastian Kraft
Produktion: Bayerischer Rundfunk © BR 2009
(Foto © BR 2009)